Justus Bier Preis 2021

Der mit 5.000 € dotierte Justus Bier Preis für Kuratoren –  seit 2009 zum dreizehnten Mal vergeben –  geht in diesem Jahr an die Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers


Ausgezeichnet wird sie für das Projekt und die Publikation:

TOYEN 1902-1980 an der Kunsthalle Hamburg
24. September 2021 – 13. Februar 2022

 


Aus der Begründung der Jury:


Der Justus Bier Preis widmet sich Ausstellungsprojekten und Publikationen, die durch eine herausragende Themenstellung und eine fundierte fachliche Aufarbeitung beeindrucken. Die Ausstellung zur tschechischen Künstlerin TOYEN, von der Kunsthistorikerin Dr. Annabelle Görgen-Lammers an der Hamburger Kunsthalle initiiert und konzipiert, erfüllt beide Kriterien auf eindrucksvolle Weise.

Marie Cerminova (1902-1980) die unter dem Künstlernamen Toyen firmierte, lebte in Prag und war Mitbegründerin der surrealistischen Gruppe in der Tschechoslowakei. Von 1925-1929 hielt sie in Paris auf, wohin sie 1947 nach der Okkupation Prags durch die Nationalsozialisten emigrierte und 1980 verstarb. Im Rahmen des von ihr in den 1920er Jahren mitbegründeten „Artifizialismus“ näherte sich ihr Werk um 1932 dem Surrealismus, mit dessen französischen Vertretern sie von 1934 an in lebenslangem engen künstlerischen und freundschaftlichen Austausch stand. Allein die Tatsache, dass ihr in Deutschland selbst in Fachkreisen wenig bekanntes Werk mit der umfangreichen Schau erstmals einem breiteren Publikum vorgestellt wird, verdient Anerkennung. In diesem Sinne reiht sich die Ausstellung in die Serie der kritischen Korrektur des westlich geprägten, kunsthistorischen Kanons. Gerade im Kreis der Surrealisten waren zahlreiche Künstlerinnen tätig, die in der westlichen Kunstgeschichte stark unterrepräsentiert geblieben sind. Mit der kuratorisch und wissenschaftlich vorbildhaft aufgearbeiteten Ausstellung TOYEN gelingt somit eine relevante historische Aufarbeitung.

Die Ausstellung und der Katalog entfalten die unterschiedlichen Schaffensphasen der Künstlerin in Prag und im Exil, im Umfeld der tschechischen wie auch der Pariser Surrealisten mit umfangreichen, sehr beeindruckenden Werkgruppen und ihrem jeweiligen historischen Kontext. Deutlich zeigt sich dabei, dass Toyens bis heute eher geringer Bekanntheitsgrad trotz zahlreicher Ausstellungen zu Lebzeiten letztlich nur durch verborgene Ausschlusskriterien innerhalb der Kunstgeschichtsschreibung zu erklären ist. Die Ausstellung mit Katalog ermöglicht es, die wichtige surrealistische Künstlerin nicht nur neu wieder zu entdecken, sondern ihre Wirksamkeit in ihrem historischen Umfeld zu begreifen.

Diese kuratorische Pionierleistung manifestiert sich auch in einer institutionellen Kooperation, die Vorbildcharakter hat. Der Lebenstangente der Künstlerin entsprechend und im Sinne europäischen Wissensaustauschs wurde das Projekt der Hamburger Kunsthalle gemeinsam mit der Nationalgalerie Prag, wie auch dem Musée d`Art Moderne de Paris entwickelt und an allen drei Stationen gezeigt. Durch die Einbindung der Dichterin und ehemaligen Arbeitspartnerin der Künstlerin, Annie Le Brun wurden bisher unbekannte Zusammenhänge erschlossen. Die Expertise im tschechischen Surrealismus durch Anna Pravdova trug ebenfalls substantiell dazu bei, dass gemeinsam neue Wissensfelder und teilweise bisher nicht publizierte Dokumente in Ausstellung und Katalog erfasst werden konnten. Dr. Annabelle Görgen-Lammers, die einen Forschungsschwerpunkt im Surrealismus gelegt hat, ist es zu verdanken, dass unterschiedliche Expertisen für das Projekt zusammenwirken konnten. Bemerkenswert ist das Projekt nicht nur, weil nun ein umfangreicher Katalog in Deutsch, Englisch, Tschechisch und Französisch vorliegt, sondern auch durch die Tatsache, dass die Ausstellungen jeweils nach den spezifischen Belangen des eigenen Publikums an den jeweiligen Orten unterschiedlich in Auswahl, Kontextualisierung und Präsentation gestaltet wurden.

Im Sinne einer grundlegenden Wiederentdeckung wurde die Ausstellung in Hamburg chronologisch gehängt, überzeugend in Anlehnung an historische surrealistische Ausstellungsdisplays inszeniert und einleuchtend mit dokumentarischen Materialien, begleitenden Texten und kurzen Filmen kontextualisiert. Der Katalog beeindruckt dadurch, dass er, neben der Aufarbeitung der unterschiedlichen Rezeptionsgeschichten in West- und Osteuropa auch historische Texte, u.a. von Karel Teige, Jindrich Heisler, Jan Mukarowsky erstmals zugänglich macht. Ausstellung und Katalog gelingt es so auf bestechende Weise sowohl interessierte Laien wie auch das Fachpublikum für das Werk der Künstlerin zu begeistern, und gleichzeitig ein wichtiges Kapitel der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu bereichern.

 


Die Preisverleihung findet am 4. Oktober 2022, um 19 Uhr, in der Kunsthalle Hamburg statt.


Die Preisträger*in:


Annabelle Görgen-Lammers (* 1969)

Dr. Annabelle Görgen-Lammers, Dipl.-Des. MA ist seit 2004 Wissenschaftlerin, Kuratorin und Projektleiterin an der Hamburger Kunsthalle. Sie studierte an der Universität Hamburg und der Künstlerisch-wissenschaftlichen Hochschule Braunschweig Kunstgeschichte, Kunst- und Medienwissenschaften (M.A. 1999), parallel dazu Kunst und Design an der HAW Hamburg und École de beaux-arts Paris (Dipl.-Des. mit Auszeichnung 1996); 2003 wurde sie mit der kunsthistorischen Dissertation Die Ausstellung als Werk: L’Exposition internationale du surréalisme, Paris 1938, und Einflüsse aus dem 19. Jahrhundert mit summa cum laude promoviert. Während des Studiums umfangreiche freiberufliche Tätigkeiten im kuratorischen und vermittelnden Museumsbereich an verschiedenen Institutionen im In- und Ausland, u.a. Eremitage Sankt Petersburg. Im Anschluss an ein wissenschaftliches Volontariat an der Hamburger Kunsthalle (1999-2001) freie kuratorische Projektleitungen, Konzeption diverser Symposien zur Kunstvermittlung sowie kontinuierliche Lehrtätigkeiten an verschiedenen Hochschulen (u.a. Gastprofessur HbK Braunschweig 2003-2010). Neben neuen epochenübergreifenden Sammlungspräsentationen (u.a. Das Transparente Museum; Das Hamburger Kinderzimmer/Spielraum für den Anfang der Kritik mit O. Eliasson) kuratierte sie für die Hamburger Kunsthalle international präsentierte Ausstellungen zum späten 19. und 20. Jahrhundert, u.a. De Chirico. Magische Wirklichkeit (2.-5.2021, in Kooperation mit Orsay, Paris); Surreale Begegnungen aus den Sammlungen Penrose, James, Pietzsch, Keiller (10.2016-2.2018, in Kooperation mit Scottish National Gallery, Edinburgh, Boijmans van Beuningen, Rotterdam); Giacometti. Die Spielfelder (1.-5.2013). Helene Schjerfbeck. Erste Retrospektive (2.-5.2007). Sie ist ehrenamtlich in diversen Stiftungsräten tätig, u.a. Kunststiftung Sachsen-Anhalt, und hat zahlreiche wissenschaftliche Texte im In- und Ausland zur Kunst des späten 19. und 20. Jahrhunderts publiziert.

Justus Bier Preis 2020

Der mit 5.000 € dotierte Justus Bier Preis für Kuratoren – seit 2009 zum zwölften Mal vergeben – geht in diesem Jahr an die Kuratoren Ute Stuffer und Axel Heil


Ausgezeichnet werden sie für das Projekt und die Publikation:

 

Mondjäger: Nathalie Djurberg & Hans Berg im Dialog mit Asger Jörn,
Kunstmuseum Ravensburg, 19.10.2019 – 16.02.2020

 


Aus der Begründung der Jury:


Der Justus Bier Preis widmet sich Ausstellungsprojekten und Publikationen, die durch eine originelle Themenstellung und eine fundierte fachliche Aufarbeitung beeindrucken. Beides ist nach Meinung der Jury mit dem Projekt /Mondjäger/ beispielhaft gelungen. Die auf den ersten Blick durchaus überraschende Kombination der Stop-Motion-Filme des schwedischen Künstlerpaares Nathalie Djurberg/Hans Berg (*1978) mit den Skulpturen und Gemälden des Dänen Asger Jorn (1914–1973) erweist sich dabei als hochproduktiver Ansatz, um überraschende und bislang nicht gesehene Parallelen in den beiden – auch zeitlich weit voneinander entfernte – /Œuvres/ freizulegen. Instruktiv und ohne jede didaktische Formatierung wird in der Ausstellung wie auch der begleitenden Publikation deutlich, wie sehr beide künstlerische Universen von dem Prinzip einer alles umfassenden Transformation und Metamorphose geprägt sind. Die starkfarbigen Knetfiguren Djurbergs, die sich in einem Prozess fortlaufender Ver- und Umformung befinden, erweisen sich auf dieser Ebene als generische Verwandte zu den expressiven Gestaltwandlern, die in den dynamisch bewegten Farbmassen und -strudeln Asger Jorns auftauchen. Beide Werke betreiben dabei eine kontinuierliche Vermischung zwischen tierischen und menschlichen Wesen, in der sich ein gemeinsames künstlerisches Plädoyer für das Animalische, Wilde, Ungezügelte und eine Absage an eine rein rationale Weltauffassung erkennen lässt. Auch im Hinblick auf die Rolle der Farbe als Ausdruck von existenzieller Befindlichkeit und das Bekenntnis zum Primat der Deformation wie auch der ästhetischen Grenzüberschreitung berühren sich die künstlerischen Positionen. Die Ausstellung, die von Ute Stuffer, Direktorin des Kunstmuseum Ravensburg, und Axel Heil entwickelt wurde, der mit dem von ihm und Roberto Ohrt verantworteten Projekt zu Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas für das Haus der Kulturen der Welt in Berlin zu Recht viel Beachtung erfahren hat, ordnet sich überzeugend in das programmatische Profil des Kunstmuseum Ravensburg ein, umfasst doch die am Haus befindliche Sammlung Selinka ein Konvolut von Arbeiten Asger Jorns. Die Publikation übersetzt mit klugem Layout durch das Studio S/M/L Berlin, instruktiven Bildvergleichen und substanziellen Textbeiträgen von Axel Heil, Katharina Dohm, Selima Niggl und Lucas Haberkorn auf vorbildliche Weise die Argumentationslinien der Ausstellung und macht sie damit auch im Medium des Buches nachvollziehbar.

 


Die Preisverleihung findet am 19. November 2021 im Kunstmuseum Ravensburg statt.


Die Preisträger*in:


Ute Stuffer (*1975) ist seit 2018 Direktorin des Kunstmuseums Ravensburg. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe bei Wolfgang Ullrich und Beat Wyss. Anschließend als freie Mitarbeiterin am MNK (Museum für Neue Kunst in Karlsruhe), ab 2008 als Kuratorin am Kunstverein Hannover tätig. Ute Stuffer realisierte zahlreiche Einzelausstellungen u. a. mit Emeka Ogboh, Sophie Calle, Martha Jungwirth, Erik van Lieshout, Susan Philipsz, Christoph Girardet & Matthias Müller, Markus Schinwald, Leigh Bowery oder zum Werk Ernst Ludwig Kirchners. Als Ko-Kuratorin war sie für die Konzeption und Realisierung verschiedener thematischer Gruppenausstellungen verantwortlich u. a. Face it! Im Selbstgespräch mit dem Anderen, Digital Archives, Mental Diary, sowie als Mitglied des kuratorischen Teams der Ausstellung Made in Germany II/III. Sie hat zahlreiche wissenschaftliche Texte publiziert und trat als Herausgeberin verschiedener Publikationen in Erscheinung.


Axel Heil (*1965) ist Künstler, Kurator, Autor und seit 2001 Professor für „Experimentelle Transferverfahren und Artistic Research“ an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Er studierte Malerei in Karlsruhe, Paris und Den Haag, sowie Kunstgeschichte und Ethnologie in Heidelberg und Berlin. 1999 gründete er fluid, als Plattform für unterschiedlichste Aktivitäten. Seit 2008 Herausgeber der Serie „The Future of the Past“ (Buchhandlung Walther König, Köln), Monographien zu Künstler*innen der 1960er-Jahre. Das Themenspektrum seiner Essays reicht von Pablo Picasso bis Asger Jorn, Jacqueline de Jong und der Situationistischen Internationale, von John Armleder und Nathalie Djurberg bis zu einer ganz jungen Generation von Künstler*innen. Als Kurator und Co-Kurator entwickelte er zahlreiche Ausstellungen u. a. für das Museum Folkwang in Essen, die Deichtorhallen Hamburg – Sammlung Falckenberg, das Museum Jorn, Silkeborg, oder das ZKM | Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe. Die Forschungen von Roberto Ohrt und Axel Heil zur Rekonstruktion von Warburgs Bilderatlas mündeten 2020 in der Ausstellung „Aby Warburg – Bilderatlas Mnemosyne. Das Original im Haus der Kulturen“, Berlin, und der Publikation des Atlas in Zusammenarbeit mit dem Warburg Institute, London, und dem HK, Berlin, im Verlag Hatje Cantz.

Justus Bier Preis 2019

Der mit 5.000 € dotierte Justus Bier Preis für Kuratoren – seit 2009 zum elften Mal vergeben – geht in diesem Jahr an die Kuratoren Jürgen Pech und Friederike Voßkamp


Ausgezeichnet werden sie für das Projekt und die Publikation:

 

Ruth Marten - Dream Lover,
Max-Ernst Museum Brühl des LVR, 14.10.2018 - 24.2.2019

 


Aus der Begründung der Jury:


Die New Yorker Multimedia-Künstlerin Ruth Marten macht souverän die Grenzen zwischen künstlerischen Disziplinen wie auch zu angrenzenden Feldern durchlässig. Vom Ausgangspunkt als Tätowiererin her knüpft sie in meisterlichen Collagen, Zeichnungen, Gemälden und Skulpturen auf ebenso märchenhafte wie hochaktuelle Weise an DADA und Surrealismus, an Popkunst und Alltagsästhetik an und legt dabei eine schier überbordende Fantasie von subversiver Kraft an den Tag.

Das Max-Ernst Museum in Brühl widmete Ruth Marten kürzlich die erste museale Einzelausstellung in Europa und einen besonders liebevoll gestalteten Katalog, der Züge eines Künstlerbuches trägt, ohne dabei die Funktion als Medium übersichtlicher Information zu vernachlässigen.

Inmitten des künstlerisch reichen Rheinlands gelegen und umgeben von vielen herausragenden Museen und Ausstellungshäusern ist es dem Max-Ernst-Museum mit dieser Ausstellung einmal mehr auf exemplarische Weise gelungen, ausgehend vom Erbe Max Ernsts den Blick auf ein eigenwilliges, grenzgängerisches künstlerisches Werk zu richten und damit dem kunstinteressierten Publikum seine produktive Energie zu erschließen.


Die Preisverleihung findet am 12. März 2020 im Max Ernst Museum in Brühl statt.


Die Preisträger*in:


Dr. Jürgen Pech ( * 1956 ) studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Klassische Archäologie an den Universitäten in Gießen und Bonn. Seit 1981 kuratiert er Ausstellungen zu Max Ernst, zur Klassischen Moderne, zur zeitgenössischen Kunst und Fotografie. Seine Katalogbeiträge dazu erschienen im In- und Ausland.

Unter den eigenständigen Publikationen sind hervorzuheben: »Max Ernst – Fotografische Porträts und Dokumente« (1991), »Max Ernst – Graphische Welten« (2003), »Max Ernst – Plastische Werke« (2005) und zuletzt 2019 »Max Ernst – D-paintings – Zeitreise der Liebe«.

Seit 2006 ist Dr. Pech wissenschaftlicher Leiter des Max Ernst Museum Brühl des LVR.


Friederike Voßkamp M.A. (*1986) studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Öffentliches Recht an den Universitäten Heidelberg und Athen sowie Museologie an der École du Louvre Paris. Im Anschluss daran war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Beauftragte für die internationalen Partnerschaften am Institut für Europäische Kunstgeschichte in Heidelberg tätig. Von 2017 bis 2019 absolvierte sie ein wissenschaftliches Volontariat im Max Ernst Museum Brühl des LVR und schloss danach ihre Dissertation zum Motiv der Vier Jahreszeiten im 18. und frühen 19. Jahrhundert ab. Gegenwärtig ist sie Referentin bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in Bonn.